Es gilt das gesprochene Wort!
Rede
von Herrn Oberbürgermeister Schramma im Rahmen der
Internationalen Kommunalkonferenz des israelischen Städteverbands
ULAI `Sister Cities and Municipal Organizations´, Jerusalem,
09.-12.03.2008, Workshop `Youth in Centre´, 11.03.08
Sehr
geehrte Damen und Herren,
liebe
Kolleginnen und Kollegen,
ich
freue mich, Ihnen im Folgenden einen kurzen Überblick über
die Entwicklung der internationalen Jugendarbeit der Stadt Köln
und insbesondere den Jugendaustausch mit unserer Partnerstadt Tel
Aviv geben zu können. Ganz besonders freue ich mich, dies
zusammen mit meinem geschätzten Kollegen aus Tel Aviv, Nathan
Wolloch, tun zu können.
Schon
bald nach Ende des 2. Weltkrieges – des dunkelsten Kapitels
deutscher Geschichte – begann Köln, wie andere deutsche Städte
auch, mit dem Ausland in Kontakt zu treten.
Rückblickend
betrachtet kann man sagen, dass auch die Städtepartnerschaften
ihren Teil dazu beigetragen haben, dass sich die Bundesrepublik
Deutschland nach 1945 zu einem demokratischen, zivilgesellschaftlich
fundierten Gemeinwesen entwickelt hat.
Im
Falle Kölns bildete die Städtepartnerschaft mit Liverpool,
in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt, den Anfang. 1952 –
also nur 7 Jahre nach Kriegsende - wurde sie gegründet. Es
folgte 1958 – also vor 50 Jahren - die sogenannte Ringpartnerschaft
mit Esch-sur-Alzette, Lüttich, Lille, Rotterdam und Turin. Alles
Städte aus den sechs Gründungsländern der Europäischen
Union und ein weiteres Beispiel dafür, wie unerlässlich
kommunale Partnerschaften sind, um so große Projekte wie die
Europäische Integration voranzubringen und bürgernah zu
gestalten.
Der
Aufbau von Beziehungen zwischen Deutschland und Israel war
selbstverständlich schwieriger, besonders für die
Bevölkerung des noch jungen Staates Israel. Der Holocaust und
die Vernichtung der jüdischen Kultur in Europa durch das
verbrecherische Nazi-System hatte zwangsläufig Mauern der
Ablehnung geschaffen, die zu überwinden lange Zeit unmöglich
schien.
Heute
unterhält Deutschland mit kaum einem anderen Land so viele
Kontakte wie mit Israel. Mehr als 100 Städtepartnerschaften,
unzählige Jugendbegegnungen, Künstler-Gastspiele,
gemeinsame Forschungsprojekte und die engen wirtschaftlichen
Verflechtungen unterstreichen das.
Großen
Anteil am Zustandekommen dieser Beziehungen hatten auch und gerade
die Kommunen. Die Stadt Köln war eine der ersten deutschen
Städte, die eine Annäherung der Bevölkerungen beider
Länder auf kommunaler Ebene vorantrieb. Bereits 1959 begann
Köln, zu Tel Aviv enge partnerschaftliche Beziehungen zu
knüpfen. Wegbereiter waren mutige und visionäre Menschen
auf beiden Seiten, in Tel Aviv namentlich Dr. Shaul Levin und Yehuda
Erel, in Köln Johannes Gisberts. Daraus hervor ging im Jahre
1960 ein erster Jugendaustausch, dem sich über lange Jahre ein
jährlich stattfindender Schüleraustausch anschloss. Erst
fünf Jahre später, am 12. Mai 1965, nahmen die beiden
Staaten Deutschland und Israel offiziell diplomatische Beziehungen
zueinander auf.
Das
Beispiel zeigt, welche Möglichkeiten wir in unseren Kommunen
haben, um Brücken der Verständigung und Versöhnung zu
bauen, Feindbilder zu überwinden und Menschen einander näher
zu bringen. Dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist eine der
großen Herausforderung des 21. Jahrhunderts, das ein
Jahrhundert dynamischer Globalisierung und Urbanisierung sein wird.
Was
damals unter schwierigsten Umständen aufgebaut wurde, ist
mittlerweile Normalität. Mit großer Selbstverständlichkeit
treffen sich heute junge Menschen aus Köln und Tel Aviv, um am
schulischen, kulturellen und familiären Leben des jeweils
anderen teilzunehmen. Ein paar Beispiele seien genannt:
Erstmals
1995 gab es einen bilateralen Jugendaustausch, der Jugendliche aus
sonderpädagogischen Einrichtungen beider Städte
zusammenführte. Träger dieser Begegnung waren auf Seiten
Tel Avivs MA’AN und in Köln die Caritas Jugendhilfe.
Eingeleitet wurde dieser Austausch vom Jugendamt Köln, bis heute
weitergeführt und begleitet vom Kölner Jugendring und dem
Partnerschaftsverein Köln-Tel Aviv.
Oder
nehmen wir die ehrenamtliche Arbeit junger Menschen in gemeinnützigen
Einrichtungen beider Partnerstädte im Rahmen des Internationalen
Freiwilligendienstes. Ein weiteres Beispiel dafür, dass solche
Austauschprogramme nur im engen Zusammenspiel zwischen kommunaler
Politik, Verwaltung und freien, bürgerschaftlich verankerten
Vereinen gelingen kann.
So
gegenwärtig und zukunftsgewandt diese Begegnungen zwischen
jungen Menschen natürlicherweise sind, so sehr sind sie nach wie
vor durch die Shoah und die Gräueltaten des Nazi-Regimes
geprägt. Es ist Aufgabe der jungen Generationen, diese nicht in
Vergessenheit geraten zu lassen und Antisemitismus zu bekämpfen,
wo immer und wie auch immer er in Erscheinung tritt.
Der
Jugendaustausch zwischen Köln und Tel Aviv hat sich aber nicht
nur bilateral intensiviert, sondern auch regional und international
weiterentwickelt. Seit 1997 organisiert die Stadt Köln
multinationale Austauschmaßnahmen mit ihren europäischen
Partnerstädten. Als ständige Gäste nahmen Jugendliche
aus Tel Aviv an diesen Begegnungen teil, die so in der Begegnung mit
Gleichaltrigen aus anderen europäischen Städten den
vielfältigen europäischen Lebens- und Kulturraum kennen
lernen können.
Als
erste - und nach wie vor einzige - deutsche Kommune gründete
Köln 1996 zudem eine Partnerschaft mit einer palästinensischen
Stadt: Das nur wenige Kilometer von hier entfernte und doch so weit
weg erscheinende Bethlehem, wo ich mit meiner Delegation gerade zwei
Tage zu Gast sein durfte. Mit beiden Städtepartnerschaften
wollen wir einen eigenen kommunalen Beitrag zum Frieden im Nahen
Osten leisten. Die Stadt Köln arbeitet dabei eng mit zahlreichen
weiteren europäischen Städten und zivilgesellschaftlichen
Organisationen zusammen.
Friedensabkommen
werden zwischen Staatsführern besiegelt. Wirklich geschlossen
und vor allem gelebt werden müssen sie letztendlich aber von den
Menschen beider Seiten. Der Friedensprozess von Oslo mag auch daran
gescheitert sein, dass dies zu wenig beachtet wurde.
Ich
bin deshalb fest davon überzeugt, dass sich die
deutsch-israelische Freundschaft nicht allein auf bilaterale Kontakte
beschränken darf, wenn sie eine tragfähige Zukunft haben
soll.
Ausdrücklich
ermutigt durch die Partnerstadt Tel Aviv-Yafo, bereitet die Stadt
Köln zurzeit einen trilateralen Austausch zwischen Schülerinnen
und Schülern aus Bethlehem, Tel Aviv-Yafo und Köln vor. Ein
Frauenfußballturnier mit Teams dieser und anderer europäischer
Städte sowie weitere trilaterale Projekte sind in Planung. Keine
einfache Aufgabe, denn immer wieder aufflackernde Gewalt, die
ständige Bedrohung, gegenseitige Schuldzuschreibungen,
Vorurteile und geschichtlich oder religiös begründete
Besitzstandswahrungen machen die Realisierung solcher trilateraler
Projekte oft sehr schwer.
Wir
dürfen uns davon aber nicht entmutigen lassen. Und wir Kommunen
haben eine echte – vielleicht die einzige – Chance, hier etwas zu
erreichen.
Meine
Damen und Herren, Sie sehen, der Jugendaustausch ist ein wichtiger
Beitrag zur Gestaltung lebendiger Partnerschaften. Das trifft ganz
besonders für die Städtepartnerschaft zwischen Köln
und Tel Aviv zu, aber auch für die Partnerschaft zwischen Köln
und Bethlehem. Und ich hoffe sehr, zukünftig auch für eine
gemeinsame Zusammenarbeit.
In
die Zukunft gedacht gilt es, über die bilateralen
Begegnungsprogramme hinaus, in größeren Netzwerken zu
arbeiten. In diesem Punkt ist die europäisch-mediterrane
Zusammenarbeit zu stärken. Allerdings kommen mit einer
fortschreitenden Globalisierung auch auf den internationalen
Jugendaustausch neue Herausforderungen zu.
Bisher
spielen Austauschmaßnahmen im Jugendbereich mit den Ländern
Afrikas und Asiens nur eine marginale Rolle.
Deshalb
möchte ich zum Schluss an die hier anwesenden politisch
Verantwortlichen appellieren, den Jugendaustausch ernst zu nehmen und
Ressourcen dafür bereitzustellen. Er ist ein wichtiger Beitrag,
die Jugend dieser Welt zusammen zu bringen und die Grundlagen für
ein friedvolles Miteinander in unserer Einen Welt zu schaffen.
Wenn
Kinder zusammen spielen, lachen, miteinander lernen, werden sie nicht
aufeinander schießen.
Shalom
!